Verantwortlich: Info Kallnach
Bereitgestellt: 14.04.2026
Komisch – da läuft doch bis Ende Mai dieser Foto-Wettbewerb, wo ein KIRCHE32-Kleber irgendwo angebracht und dann fotografiert werden soll. Wie geht das mit dem Abbildungsverbot zusammen, das immerhin eins der Zehn Gebote ist?
Die schnelle Antwort vorweg: Es hält sich sowieso niemand an dieses Abbildungsverbot. Worum geht es beim Gebot? Es will, dass man das Göttliche nicht abbildet. Weil man es nicht abbilden kann. Oder weil das Abgebildete dann zum Nennwert genommen und verehrt werden könnte. Und: Das Abgebildete ist – nach klassischer Definition – nicht göttlich, denn der Maler steht über dem Bild, dessen Schöpfer er ist. Mit Gott läuft das aber nicht.
Dennoch gibt es in der Kunstgeschichte mehr Abbildungen Gottes, als wir denken. Die berühmteste und folgenreichste ist sicher die „Schöpfung“ von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Prompt stellen sich nachhaltige Probleme: Gott als alter Mann mit Rauschebart im Nachthemd – ach, Gott! Stellen Sie sich Gott auch so vor? Eben! Michelangelo hat dieses Gottesbild in unsere Köpfe gemalt, und wir kriegen es nicht mehr raus. Oder war es umgekehrt? Steckt dieses Bild als eine Art „Archetyp“ in uns drin, und Michelangelo hat es einfach nur bildlich umgesetzt? Kann sein. Im Gegensatz dazu wurde im Konf-Camp 2025 ein Film gezeigt, wo Gott-Vater als schwarze Frau dargestellt ist. Besser? Jedenfalls anders und unerwartet, vielleicht korrigierend. Und für die Konfirmanden etwas zum darüber nachdenken.
Nach strenger Auslegung der Zehn Gebote ist nicht nur Gott nicht abbildbar, sondern auch das Erschaffene. Auch wenn sich hier erst recht niemand daran hält, gibt es schon da Probleme genug: Bilder sind Behauptungen, Bilder können lügen, Fotos können retouchiert sein, und heute, mit KI, lassen sich ganze Filme herstellen und mit tatsächlich existierenden Personen besetzen, die womöglich nie gefragt wurden, ob sie in den gezeigten Rollen vorkommen wollen. Kein Wunder wollen viele Leute nicht mehr fotografiert werden, schon gar nicht mit dem Handy. So unaktuell ist das Abbildungsverbot also doch nicht, und noch nie so gut begründet. Übrigens haben die (einst) bilderfeindlichen Juden und Reformierten wesentliche Impulse zur Entwicklung der modernen ungegenständlichen Kunst geliefert. Das Schöne abbilden ist ein legitimes Bedürfnis, auch wenn man sagen kann, dass das Göttliche im Schönen wohnt. Das Schöne ist abstrakt – und bildlich umsetzbar, ohne Gott oder Menschen zu nahe zu treten. Gott hat viele abstrakte Namen, die man darstellen kann.
Damit sind wir wieder beim Fotowettbewerb. Auch hier geht es um das Abstrakte, das – vielleicht noch so konkret – abgebildet werden soll: Gewinnen tut ausdrücklich das „beste, originellste, witzigste und tiefsinnigste Bild“. Darunter kann jeder etwas anderes verstehen. Hauptsache, das Foto mit dem KIRCHE32-Kleber stellt ein aussage-kräftiges Bild dar – eins, das eine kräftige Aussage macht. Auf diese originellen und tiefsinnigen Aussagen können wir gespannt sein!
Jürg Kägi, Pfarrer
